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Bildung

Empowerment-Workshop zu antimuslimischem Rassismus

Ein Workshop von Fatma Leblebici, Verantwortliche Bildung bei Brava, gemeinsam mit Asmaa Dehbi, Diplomassistentin am Schweizerischen Zentrum für Islam und Gesellschaft der Universität Freiburg.

«Rassismus ist nie deine Schuld». Diese Botschaft stand im Zentrum unseres Workshops zu antimuslimischem Rassismus, der am 5. September mit einer Gruppe des Empowerment-Projekts von Brava in Aarau stattfand. Viele der Workshop-Teilnehmerinnen sind muslimisch und tragen ein Kopftuch. Im geschützten Rahmen des Workshops teilten sie Erfahrungen aus ihrem Alltag: Sie berichteten von Benachteiligungen am Arbeitsplatz, rassistischen Situationen im öffentlichen Raum sowie von Zuschreibungen, denen sie selbst oder ihre Kinder in der Schule begegnen.

Rassismus erkennen und benennen

Gemeinsam setzte sich die Gruppe damit auseinander, was Rassismus ist und wie unterschiedlich er auftreten kann. Rassismus ist nicht immer offen und muss nicht ausdrücklich «böse gemeint» sein. Auch vermeintlich gut gemeinte Fragen, Bemerkungen oder Hilfsangebote können Menschen als «anders» oder «fremd» markieren. Ausschlaggebend ist nicht allein die Absicht, sondern auch die Wirkung und die gesellschaftlichen Machtverhältnisse, in denen solche Aussagen stattfinden.

Wie Asmaa Dehbi im Workshop erläuterte, ist Rassismus immer auch eine Form von Gewalt. Abwertungen, Ausgrenzung und wiederkehrende Zuschreibungen können als Psychische Gewalt wirken und das Wohlbefinden, das Sicherheitsgefühl und das Gefühl gesellschaftlicher Zugehörigkeit beeinträchtigen.

Rassismus wirkt zugleich strukturell, wenn diskriminierende Vorstellungen und Praktiken in gesellschaftlichen Institutionen und Abläufen verankert sind. Sie können dazu führen, dass Menschen der Zugang zu Bildung, Arbeit, Wohnraum oder staatlichen Leistungen erschwert wird. Rassismus zeigt sich damit nicht nur im Verhalten einzelner Personen, sondern auch in Strukturen, die Menschen systematisch benachteiligen.

Ich entscheide selbst, wie ich reagiere

Selbstbestimmung war im Workshop auch für den Umgang mit konkreten Rassismuserfahrungen zentral. In einer Übung diskutierten die Teilnehmerinnen verschiedene Aussagen. Eine davon lautete: «Ich entscheide selbst, wie ich reagieren möchte».

Eine betroffene Person kann widersprechen oder eine Diskussion führen. Sie kann sich Unterstützung holen, Zeug_innen ansprechen oder einen Vorfall dokumentieren und melden. Sie darf eine Situation aber auch verlassen, schweigen oder darauf verzichten, den Vorfall zu melden. Es gibt nicht die eine richtige Reaktion auf Rassismus. Was in einem bestimmten Moment möglich und passend ist, entscheidet allein die betroffene Person – abhängig von ihrer Sicherheit, ihren Kräften und der jeweiligen Situation.

Eine Meldung kann dazu beitragen, Unterstützung zu erhalten und antimuslimischen Rassismus sichtbar zu machen. Die Verantwortung für dessen Dokumentation und Bekämpfung darf jedoch nicht den Betroffenen zugeschoben werden. Auch die Entscheidung, einen Vorfall nicht zu melden, ist legitim.

Dafür, dass rassistische Vorfälle häufig nicht gemeldet werden, gibt es unterschiedliche Gründe, die ebenfalls im Workshop beleuchtet wurden. Manche Betroffene kennen keine geeignete Anlaufstelle, zweifeln am Nutzen einer Meldung oder haben wenig Vertrauen, dass ihre Erfahrung ernst genommen wird. Auch die Angst vor ausländerrechtlichen Konsequenzen kann Menschen davon abhalten, einen Vorfall zu melden.

Was die Forschung zeigt

Die im Workshop geteilten Erfahrungen spiegeln ein strukturelles und weitverbreitetes Problem. Das zeigt die 2025 veröffentlichte Grundlagenstudie «Antimuslimischer Rassismus in der Schweiz», an der Asmaa Dehbi als Co-Autorin mitgearbeitet hat. Gerade die von den Teilnehmerinnen genannten Lebensbereiche – das Berufsleben, die Schule und Ausbildung, Kontakt mit Behörden, die Wohnungssuche sowie der öffentliche Raum – gehören laut der Studie zu den Bereichen, in denen muslimische Menschen besonders häufig antimuslimischen Rassismus erleben. Die Studie verdeutlicht zudem das Ausmass des im Workshop besprochenen Underreportings: Von 2’471 muslimischen Menschen, die Diskriminierung wahrnehmen, meldet nur eine Person diese Erfahrung.

Dabei können unterschiedliche Formen von Diskriminierung ineinandergreifen. Name, Herkunft, Sprache, Geschlecht oder soziale Position beeinflussen, wie eine Person wahrgenommen und behandelt wird. Frauen, die ein Kopftuch tragen, sind zusätzlich von gegenderten Zuschreibungen betroffen: Sie werden häufig unabhängig von ihrer Staatsbürgerschaft, ihrem Bildungsniveau oder ihrem sozialen Hintergrund als «fremd» wahrgenommen. Besonders hartnäckig hält sich das stereotype Bild der muslimischen Frau als «unterdrücktes Opfer», das von anderen gerettet werden müsse. Dieses Bild blendet die unterschiedlichen Lebensrealitäten muslimischer Frauen aus und spricht ihnen Handlungsfähigkeit und Selbstbestimmung ab.

Die Erfahrungen der Teilnehmerinnen und die Forschung zeigen, dass solche Vorstellungen nicht folgenlos bleiben: Sie können zu konkreten Ausschlüssen führen und auch politische Entscheidungen prägen. Für Brava müssen deshalb Vorhaben kritisch betrachtet werden, die vorgeben, muslimische Frauen und Mädchen zu schützen, ihnen dabei aber eigene Entscheidungen absprechen.

Selbstbestimmung statt vermeintlicher Schutz

Wie aktuell diese Frage ist, zeigt die politische Debatte im Kanton Zürich. Dort hat der Kantonsrat ein Postulat angenommen, das ein Kopftuchverbot für Schülerinnen und Lehrerinnen prüfen lässt. Begründet wird die Forderung mit dem Schutz von Frauen und Mädchen vor Unterdrückung.

Ich bin es leid, dass muslimische Frauen entweder als Opfer oder als Bedrohung dargestellt werden.

– Mandy Abou Shoak, Verantwortliche Bildung bei Brava und Zürcher Kantonsrätin.

Ein Kopftuchverbot würde die Selbstbestimmung muslimischer Frauen und Mädchen nicht stärken. Es würde Betroffene vielmehr vor die Wahl stellen, ihr Kopftuch abzulegen oder auf bestimmte Bildungs- und Berufsmöglichkeiten zu verzichten. Damit droht ein solches Verbot, bestehende Ausschlüsse zu verschärfen und die gesellschaftliche Teilhabe der betroffenen Frauen und Mädchen weiter einzuschränken.

Wer Frauen stärken will, muss ihre Entscheidungen respektieren und Bedingungen schaffen, unter denen sie gleichberechtigt lernen, arbeiten und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. Über muslimische Frauen zu bestimmen, lässt sich nicht dadurch rechtfertigen, dass dies angeblich zu ihrem Schutz geschehe.

Räume für Austausch, Unterstützung und Vernetzung

Die Empowerment-Workshops von Brava bieten Frauengruppen einen Raum, um sich über ihre Anliegen auszutauschen und Wissen miteinander zu teilen. Die Teilnehmerinnen bestimmen die Inhalte der Workshops gemeinsam. Im Zentrum stehen ihre Rechte, Unterstützungsangebote in der Schweiz sowie Handlungsmöglichkeiten bei Gewalt und Diskriminierung. Ziel ist es, Selbstermächtigung zu fördern und die Teilnehmerinnen mit relevanten Organisationen und Beratungsstellen zu vernetzen.

Wer Rassismus erlebt oder beobachtet, muss damit nicht allein bleiben. Beratungsstellen hören Betroffenen, Angehörigen und Zeug_innen zu, informieren über Rechte, dokumentieren Vorfälle und besprechen gemeinsam mit den Ratsuchenden, welche nächsten Schritte für sie passend sind. Im Kanton Aargau bietet die Anlaufstelle Integration Aargau Beratung an. Im Kanton Zürich können sich Betroffene unter anderem an die Zürcher Anlaufstelle Rassismus oder die Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich wenden. Schweizweit nimmt auch die Föderation Islamischer Dachorganisationen Schweiz Meldungen entgegen.

Rassismus ist nie die Schuld der betroffenen Person. Unterstützung in Anspruch zu nehmen ist ihr Recht. Ob, wann und in welcher Form sie davon Gebrauch machen möchte, entscheidet sie selbst.